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Handschrift mit jüdischer liturgischer Musik (1832) katalogisiert und vorgestellt

2010 wurde in den Räumen der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern eine wertvolle Musikhandschrift entdeckt: Es handelt sich um den Band »Gottesdienstliche Gesänge der Israeliten in Wien« von 1832. Die Entdecker der Handschrift Alon Schab (Haifa) und David Rees (München) stießen bei ihrem Fund auf eine kleine Sensation: Der Band enthält unter anderem die älteste Quelle zu Franz Schuberts hebräischem Psalm „Tôw l'hôdôs“ D 953; auch unter den übrigen knapp 100 liturgischen mehrstimmigen Gesängen finden sich interessante Raritäten. Kern des Repertoires bilden frühe Fassungen von Gesängen, die der Wiener Kantor Salomon Sulzer später in seinem epochalen Sammelwerk „Schir Zion“ (Wien 1840) veröffentlichte. Daneben finden sich jedoch auch Werke der Münchener Komponisten David Hessel (Sohn des Oberrabbiners der 1826 eingeweihten großen Münchener Synagoge) und Caspar Ett in der Sammlung, was auf eine rege Wechselbeziehung zwischen den großen jüdischen Gemeinden Wiens und Münchens in diesen Jahren hinweist. Vermutlich handelt es sich bei der Handschrift um Kompositionen, die Sulzer an die Münchener Gemeinde schickte. Wohl nicht ohne Zufall wurde auch der Synagogenchor der Münchener Gemeinde im Jahr 1832 gegründet, so dass man die Handschrift als „Gründungsdokument“ dieses Ensembles ansehen kann.

Die wertvolle Quelle wurde der Bayerischen Staatsbibliothek als Depositum übergeben, wo sie digitalisiert und von Steffen Voss, Mitarbeiter der Münchener Arbeitsstelle, für RISM katalogisiert werden konnte. (Link zum Katalogisat). Erstmals wurde damit eine Handschrift mit liturgischer Synagogalmusik des frühen 19. Jahrhunderts für den RISM-Opac erschlossen.

 Vom 5. November 2015 bis zum 8. Januar 2016 findet im Flur der Musikabteilung der BSB die Kabinettausstellung „1826-1926: Ein Jahrhundert Münchner Synagogalmusik. Die Quellen der Bayerischen Staatsbibliothek" statt. Die von Dr. Uta Schaumberg betreute Ausstellung kombiniert Reproduktionen der „Israeliten“-Handschrift mit solchen von seltenen Originalquellen aus den Beständen der Bibliothek, etwa Autographen der Münchener Komponisten Franz Lachner und Joseph Hartmann Stuntz, aber auch Werke der jüdischen Kantoren des späteren 19. und frühen 20. Jahrhunderts.

Parallel zum Ausstellungsbeginn fand im Lesesaal der Musikabteilung ein Werkstattkonzert statt, in dem Kompositionen aus der Handschrift (darunter als Höhepunkt der oben erwähnte Schubert-Psalm) erklangen. Als Interpreten wirkten Mitglieder des Madrigalchors der Musikhochschule München und des Synagogenchors „Schma Kaulenu“ unter abwechselnder Leitung von David Rees und Martin Steidler sowie der Berliner Kantor Amnon Seelig als Solist mit. Nach der Begrüßung durch den Musikabteilungsleiter Herrn Dr. Reiner Nägele und Frau Dr. Charlotte Knobloch (Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern) hielt David Rees einen spannenden Einführungsvortrag, der auf Geschichte und Bedeutung der Sammlung hinwies, bevor das eigentliche Konzert begann, an dessen Ende das Publikum die Möglichkeit hatte, die Originalhandschrift zu bestaunen und Fragen an die anwesenden Experten zu stellen.

Es wurde bei den begleitenden Gesprächen noch einmal auf die Bedeutung der Katalogisierung der Handschrift durch RISM hingewiesen und der Wunsch geäußert, dass auch andere Sammelhandschriften mit überlieferten Synagogengesängen des 19. Jahrhunderts von den zuständigen RISM-Ländergruppen erfasst würden.

November 2015, Steffen Voss

 

Kategorie: Eigendarstellung



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