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Johannes Tinctoris @ RISM

J. Tinctoris: Helas le bon temps (RISM B/I: 1504|2)

Über das Leben Johannes Tinctoris' ist - obwohl einer der bekanntesten Musiktheoretiker seiner Zeit - nur wenig bekannt. Als gesichert gilt, auch wenn der genaue Zeitpunkt unklar ist, das Jahr seines Todes: Tinctoris starb vor dem 12. Oktober 1511 - vor 500 Jahren.

Geboren wurde der Sohn eines Magistrats als Jehan de Taintenier um 1436 in Braine-l'Alleud (Belgien). Vier Monate lang war er im Jahr 1460 als „petit vicaire“ in der Kathedrale von Cambrai tätig, wo er wahrscheinlich Guillaume Dufay kennenlernte - dieser war dort „maître des petits vicaires“. 1462/1463 ist Tinctoris in der Kathedrale Sainte-Croix von Orléans als „succentor“ gelistet, später für sieben Jahre ohne Angabe der Tätigkeit an der Kathedrale von Chartres.

Einen Großteil seines Lebens verbrachte Tinctoris in Neapel. Dorthin kam er in den 1470er Jahren und war als Sänger und Kaplan am Hofe König Ferdinands I. angestellt. Belegt sind außerdem ein Aufenthalt in Ferrara (Mai 1479), die Aufgabe, neue Sänger für den Hof zu rekrutieren (1487), das Ersuchen an den Papst, einen Doktortitel im Kanonischen und Zivilen Recht verliehen zu bekommen (1490), und ein Aufenthalt in Rom (1502). Wann Tinctoris den aragonesischen Hof von Neapel endgültig verließ, ist unklar. Vermutlich besuchte er 1493 seine ehemalige Schülerin Beatrix von Aragón - die Tochter Ferdinands I., Königin von Ungarn - in Buda. In Nivelles, nahe seines Geburtsortes, hatte er ein Kanonikat inne. Da die daraus resultierenden Zahlungen im Oktober endeten und ein neuer Kanoniker angestellt wurde, wird 1511 als das Todesjahr Tinctoris' angenommen.

Ganz im Gegensatz zu den theoretischen Werken Tinctoris' sind nur wenige seiner Kompositionen überliefert - einzelne von ihnen sind im RISM Online-Katalog verzeichnet. Er schrieb vor allem geistliche und weltliche Vokalwerke, darunter mehrere Messen, Motetten und Chansons. Einige sind zu Beginn des 16. Jahrhunderts bei Ottaviano Petrucci in Venedig in Sammelwerken erschienen, darunter „Helas le bon temps“, welches im ersten überhaupt erschienenen Musiksammeldruck „Harmonice Musices Odhecaton“ (RISM B/I 1501) enthalten war - in der einzigen überlieferten Quelle (I-Bc) ist es verschollen. Erst in dem späteren Folgedruck von 1504 (RISM B/I 15042) ist es heute noch enthalten. Generell unklar ist, wie viele Werke Tinctoris' verloren gegangen sind.

Von den dreizehn bekannten Traktaten Tinctoris' ist eines verschollen (Speculum musices) und eines nur fragmentarisch überliefert (De inventione et usu musice). Mit der Niederschrift der musiktheoretischen Werke beschäftigte sich Tinctoris hauptsächlich in Neapel, überliefert sind sie (in Abschriften) auch in Spanien und Belgien. Thematisch berücksichtigte er die Bereiche der Mensurallehre (Noten-/Pausenwerte, Imperfektion, Ligaturen, Alteration, Proportionen, Punkte ...) und des Modalsystems, die Guidonische Hand, den Contrapunctus sowie Ursprung und Wirken der Musik.

Zwischen 1472 und 1474 verfasste Tinctoris für seine Schülerin Beatrix von Aragón das Wörterbuch Terminorum musicae diffinitorium, welches wahrscheinlich das erste Wörterbuch musikalischer Terminologien ist (RISM B/VI). Um 1495 wurde es als einziges der musiktheoretischen Werke zu seinen Lebzeiten verlegt und umfasste 28 Druckseiten. Die erste deutsche Übersetzung erschien 1863 von Heinrich Bellermann und wurde 1983 nebst eines Faksimiles der Inkunabel von Peter Gülke als Nachdruck neu herausgegeben.


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