English | Deutsch | Français

"L’Amant Anonyme" von Joseph Bologne

Joseph Bologne de Saint-Georges wurde vor 275 Jahren, am 25. Dezember 1745 - oder vielleicht 1739, da gibt es widersprüchliche Dokumente - geboren. Wie dem auch sei, wir feiern seine Musik mit diesem Gastbeitrag der Herausgeber einer neuen kritischen Ausgabe von Joseph Bolognes “L’Amant Anonyme", der einzigen erhaltenen Oper des Komponisten. Der folgende Text stammt von George N. Gianopoulos, Stephen Karr, Leila Núñez-Fredell und Mishkar Núñez-Fredell aus dem Vorwort zu der bei Opera Ritrovata erschienenen Ausgabe.

Joseph Bologne, “Chevalier de Saint-Georges” (ca. 1739-1799) war eine Pariser Berühmtheit, gefeierter Fechtmeister, Komponist, Geigenvirtuose und Dirigent eines der besten Orchester Europas. Bologne wurde als Kind einer versklavten Teenagerin, Anne "dit Nanon", auf der Karibikinsel Guadeloupe geboren. Bolognes Vater, ein wohlhabender Plantagenbesitzer, brachte den Jungen und seine Mutter nach Paris, führte den jungen "Chevalier de Saint-Georges" in die französische Gesellschaft ein und sorgte gleichzeitig für seine bestmögliche Ausbildung. Nachdem er den Höhepunkt der Schwertkunst erreicht hatte, wandte sich Saint-Georges der Komposition, der Violine und dem Dirigieren zu.

Saint-Georges wurde 1771 Konzertmeister der Concerts des Amateurs. Er erhielt weitreichende Anerkennung für die Aufführung seiner Violinkonzerte. 1773 wurde er zum Direktor der Concerts des Amateurs ernannt, und unter seiner Leitung galt das Orchester als eines der besten in Europa. 1775 war er der Spitzenkandidat für den prestigeträchtigsten Opernposten Frankreichs, den des Direktors der Académie Royale de Musique; einige der Sänger schrieben jedoch einen Brief an den König, in dem sie erklärten, dass sie nicht für einen Dirigenten multi-ethnischer Abstammung arbeiten würden.

L’Amant Anonyme, comédie en deux actes mêlée de ballets, die einzige vollständig erhaltene Oper von Saint-Georges, basiert auf einem Stück von Stéphanie Félicité de Genlis (1746-1830). Die Handlung von L’Amant Anonyme besteht aus einer Dreiecksbeziehung mit nur zwei Figuren. Madame de Genlis erreicht diese ungewöhnliche Situation dadurch, dass die Heldin Léontine glaubt, dass ihr Freund Valcour und ihr heimlicher Verehrer zwei verschiedene Personen sind. Die Oper wurde laut Titelblatt des Manuskripts am 8. März 1780 uraufgeführt.

Die einzige Quelle für diese Musik ist das Manuskript in der Bibliothèque nationale de France, section musique, cote D-13863 (RISM ID no. 1001134732). [1] Wie in den Katalogen des Konservatoriums von Abbé Nicolas Roze erwähnt wurde, können wir bestätigen, dass das Manuskript vor 1817 in die Sammlung des Konservatoriums gelangte, jedoch haben wir keine weiteren Informationen über die Herkunft dieses Manuskripts.[2] Dem Kopisten scheint aber die Zeit ausgegangen zu sein oder er war am Ende des Manuskripts ermüdet.

Während Saint-Georges zu Lebzeiten äußerst erfolgreich war, litt sein Vermächtnis unter dem staatlich geförderten Rassismus. Alain Guédé erklärt in seinem Buch über Saint-Georges: "Napoleon Bonaparte führte am 20. Mai 1802 die Sklaverei wieder ein, nachdem er die junge haitianische Demokratie von Toussaint-Louverture in einem Meer von Blut ertränkt hatte. Dies war ein zweiter Tod für 'den [B]lack Mozart', wie Saint-Georges in den Jahren unmittelbar nach seinem Tod genannt wurde".[3] Guédé fährt fort, dass Dunkelhäutige, die Werke geschaffen hatten, die "ernsthafte künstlerische Bestrebungen zeigten, während der Zeit Napoleons entlassen oder aus dem Denken verbannt" wurden. [4] Wir hoffen, dass diese Ausgabe dazu beiträgt, die Aufführung eines Werkes zu erleichtern, dass ungerechterweise von systematischem Rassismus unterdrückt wurde.

George N. Gianopoulos
Stephen Karr
Leila Núñez-Fredell
Mishkar Núñez-Fredell
Los Angeles, September 2020

 

ANMERKUNGEN

[1] Eine Reproduktion des Manuskripts wurde 1984 von Pendragon Press veröffentlicht und ist öffentlich zugänglich.  

[2] Wir sind François-Pierre Goy vom Département de la Musique der Bibliothèque nationale für diese Informationen zu Dank verpflichtet. Herr Goy teilte uns auch mit, dass es keinen Hinweis auf dieses Manuskript in Aufzeichnungen über Musik gibt, die während der Revolution von Aristokraten und anderen, die aus Frankreich geflohen waren, konfisziert wurden.

[3]  Alain Guédé, Monsieur de Saint-Georges, Virtuoso, Swordsman and Revolutionary, trans. Gilda M. Roberts, New York: Picador-St. Martin’s Press, 2003, S. 262.

[4] Guédé, Monsieur de Saint-Georges, S. 262.

 

Abbildung: Titelseite des Manuskripts und Porträt von Joseph Bologne (Public Domain, mit freundlicher Genehmigung der Autoren).

Kategorie: Neuerscheinungen



< Vorheriger Artikel

Neuerscheinungen: Katalog der Karlsruher Musikhandschriften erschienen

Darin enthalten ist auch ein vollständiges Verzeichnis der Werke Johann Melchior Molters (1696-1765)

weiterlesen

Neuerscheinungen: Katalog der Karlsruher Musikhandschriften erschienen

Darin enthalten ist auch ein vollständiges Verzeichnis der Werke Johann Melchior Molters (1696-1765)

weiterlesen

Veranstaltungen: "So bald ich aufgestanden war hab ich ein Solo auf der Flöte geblasen"

Veranstaltung zur Veröffentlichung des Kataloges zu Musikquellen aus der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe

weiterlesen
Foto: Helmut Lauterwasser

Wiederentdeckt: Johannes Brahms' früheste erhaltene Kompositionen im Stadtarchiv Celle entdeckt

Im Zuge der Katalogisierung der Musikhandschriften des Stadtarchivs Celle (D-CEsa) durch die RISM Arbeitsgruppe Deutschland, Arbeitsstelle an der Bayerischen Staatsbibliothek in München, im Februar 2010 zwei bisher nicht bekannte Frühwerke von Johannes Brahms entdeckt.

weiterlesen
<< Erste < Vorherige 6-10 11-15 16-20 21-25 26-30 31-35 36-39 Nächste > Letzte >>